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Ein Sohn mit Asperger Syndrom. Ein kleines Dorf in Westfalen

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Ein Sohn mit Asperger Syndrom.
Ein kleines Dorf in Westfalen

Als wir vor zwei Jahren in der Kinderpsychiatrie der Uniklinik Münster für
unseren damals 6jährigen Jungen von Prof. Kehrer die Diagnose
"Frühkindlicher Autismus" bekamen, brach im Leben unserer dreiköpfigen
Familie ein Strudel los.

Wir zogen unmittelbar nach seiner unkomplizierten Geburt
(allerdings wegen seiner Größe durch Kaiserschnitt)
von Hamburg in ein kleines Dorf in Westfalen.
Examen meines Mannes, dann die Erleichterung, eine Stelle als Journalist
bei einer Tageszeitung bekommen zu haben, rissen uns aus unserer
geliebten Wahlheimat Hamburg heraus.
Geburt meines ersten Kindes, ich selbst noch Studentin in den letzten Zügen,
Umzug in eine mir völlig unbekannte, dörfliche Welt (Heimat meines Mannes),
ein absoluter Einschnitt.
Wie tief er war, begriff ich erst allmählich...
und so manches Mal wünschte ich mich nach Hamburg zurück.

Zunächst, d.h. am Anfang unseres Dorflebens, dachte ich, ich wäre durch die
Kaiserschnittgeburt und durch das mühsam in Gang gekommene Stillen meines
Babys einfach erschöpft; deshalb würde ich mein Kind als unruhig einstufen.
Ich schaute immer nur auf mich kritisch.

Ich hatte während der ersten Jahre meiner Mutterschaft keine Nachtruhe,
und auch die Tage verbrachte mit teils verzweifelten Versuchen, mein Kind zu beruhigen.
Ob es seine Geräuschempfindlichkeit war, die zu permanenten Weinkrämpfen führte,
die nicht zu beruhigen waren, ob es die Tatsache, dass ich ihn auf dem Arm,
im Brustbeutel, auf dem Rücken trug und zu trösten versuchte,
ob es sein Hunger war, seine wieder aufflammende Mittelohrentzündung,
das Zahnen...
Tausendundeine Frage, die eigentlich trotz zahlloser Versuche der
Bedürfnisstillung nie eine sichere, instinktive Antwort (wie es jetzt bei
meinem zweiten Kind ist) bekam.
Nach Aussage meines Kinderarztes war er ein prächtig gewachsener, großer Junge,
dessen Hunger man nicht schnell und oft genug stillen kann.
Ich war eben eine uneinfühlsame, hysterische, weil intellektuelle Mutter,
die ihr Kind nicht verstand, dachte ich damals,
und alle anderen Babys in meiner Umgebung überzeugten mich durch ihre
Zufriedenheit davon. Nicht einmal das Fahren des Kinderwagens konnte mein
Kind beruhigen, denn jedes vorbeifahrende Auto ließ ihn zusammenzucken und
aufschreien.
Wie froh war ich, als ich dann eine Entdeckung machte: Kaum konnte mein
Kind (zwar spät, erst mit 11 Monaten) krabbeln, bewegte es sich zielsicher
zum Lautsprecher, aus dem meine Lieblingsmusik tönte, und begann, rhythmisch
und mit dem Ohr an der Box vor- und zurückzuwippen. Er schien völlig in die
Welt der Musik zu verschwinden, denn weder Rufen noch Locken schien er
wahrzunehmen.
Der Wille, mein Studium zum Abschluß zu bringen (sobald er abends eine
längere Schlafphase hatte, begann ich, mich nachts auf mein Examen
vorzubereiten) und meine komplizierte Mutterschaft (das Volontariat meines
Mannes ließ so gut wie kein Familienleben geschweige denn Entlastung für
mich zu) verstrickten sich zur schwierigsten Krise meines Lebens. Hinzu
kam, dass der Versuch, unseren Jungen vormittags für 2,5 Stunden bei einer
Tagesmutter unterzubringen, kläglich daran scheiterte, dass die Frau sich
unaufhörlich darüber beschwerte, dass das Kind nicht alleine spielt und sie
ihren Haushalt nicht dadurch vernachlässigen könne. Irgendwann hatte ich
diese Quengelei so satt, dass ich mich entschloß, meinen Jungen bei mir zu behalten
und eben abends mehr zu lernen. Denn mein Sohn beanspruchte mich, wenn er wach
war, rund um die Uhr...
Wie ich meinen Abschluß mit sehr gutem Ergebnis geschafft habe, ohne
gleichzeitig mein Kind zu vernachlässigen, weiß ich nicht mehr... die
Rechnung sollte erst später kommen.

Mein Sohn lernte neben erstaunlich schönem Singen Bobbycarfahren, Laufen,
Sprechen, Zählen, Fahrradfahren, zwar alles etwas spät, aber doch...
Nur mit zwei Bereichen tat er sich schwer:
Mit dem, was man mit pädagogischen Begriffen als "konstruktives Spiel" bezeichnet.
Stets hatte er eine Lieblingsbeschäftigung, die keine Alternative zuließ.
Und mit seinem Verhalten.
Er schien Gefühlsregungen (zunächst meine, dann später bei anderen)
überhaupt nicht zu registrieren.
Er zog sich, sobald mehr als drei Leute im Raum waren, völlig zurück
und war desorientiert; oder aber er brach in Schreien aus.
Später im Kindergarten gab es auch nur zwei Extreme:
Entweder zog er sich zurück und verwandelte sich in ein Auto, das einfach
durch den Raum fuhr, oder er schubste. Flucht nach hinten und Flucht nach vorn...

Mein Kind war nicht geistig behindert, hatte keinerlei physiognomischen
Merkmale, die auf eine Störung hindeuteten... dann war er eben schlecht
oder gar nicht erzogen.... und die Mutter schuld.
Ob Amtsärztin bei der Einschulungsunterschung, Kindergärtnerinnen
oder Klassenlehrerin und Kinderarzt, stets beharrten alle auf seine Asozialität,
deren Grund natürlich im häuslichen Milieu zu suchen war.

Als er dann aufgrund seiner Unruhe oder inneren Abwesenheit in der Klasse
nach 4 Wochen Grundschule in die Schule für Erziehungshilfe verfrachtet werden sollte,
platzte mir die Hutschnur.
Mein Mann beharrte darauf, dass unser Sohn völlig ok sei
und die Lehrer und alle Anderen seien Versager und Stümper,
die "Fachleute" schoben die Schuld auf die Familie,
meine Schwiegereltern auf mich (wie denn auch nicht, denn mein immer
arbeitender Mann hatte auf die Erziehung keinerlei Einfluß)
und dazwischen, unter unerträglichem Druck, stand ich,
mit dem in Jahren der Unsicherheit und Knochenarbeit wachsenden Gefühl,
dass mit meinem Kind "irgendwas nicht stimmt".

Bevor ich ihn in die E-schule (die für uns Zuständige ist schlecht)
verfrachten lassen sollte, beschloss ich, mich auf den Weg zu
machen, der in die Uniklinik Münster, in die Kinderpsychiatrie führte.
Niemand riet mir dazu, ich hatte zum damaligen Zeitpunkt auch keinerlei
Verdacht, da ich in der Materie völlig fremd war.
Als Prof. Kehrer mir nach langwierigen Tests das auf Papier festgehaltene
Entwicklungsprofil meines Kindes unter die Augen hielt und mich mit dem
Terminus "Autismus" konfrontierte, schaute ich ihn an, als wenn er
chinesisch gesprochen hätte.
Birger Sellin, der damals, vor langer Zeit im "Spiegel" vorgestellt wurde,
war für mich Autist. Aber mein Sohn???
Mit dieser Diagnose im Alter von 6 Jahren begann der emsige Kampf.

Erst allmählich und durch unermüdliches Lesen über Autismus wurde mir bewusst,
dass ich mein Kind doch sehr sehr gut kenne und immer richtig verstanden habe.
Nur hätte ich mir manchmal frühere Förderung und fachliche Unterstützung
gewünscht. Ob er dadurch heute besser dran wäre, weiß ich nicht, aber die
familiäre Situation wäre sicherlich anders gewesen.

Unser Sohn wird heute in der Körperbehindertenschule beschult. Nach den letzten
Tests wird immer klarer, dass sie nicht die letzte Schule für ihn sein wird,
denn von seinen kognitiven Fähigkeiten her ist er dort unterfordert.
Wir werden also nach der Grundschule den Versuch einer privaten Realschule
starten, aber bis dahin ist es ein langer Weg. Unser Kind ist in seinen langen
guten Phasen ein ausgesprochen aufgeschlossener, freundlicher manchmal auch
"altkluger" Junge. Ich denke aber, daß gerade bei Asperger-Kindern die
Gefahr psychischer Erkrankung sehr groß ist, weil sie sich ihrer mangelnden
sozialen Kompetenz sehr bewußt sind und dadurch kontinuierlich Mißerfolgen,
Frustration und damit auch zusätzlicher Labilität und Unsicherheit ausgesetzt sind.
Damit als Mutter zu leben fällt mir ganz besonders schwer.

Der Weg meines Mannes unterscheidet sich (zum Glück vielleicht auch) in
einigen Punkten von meinem. Das Wissen über Asperger hat er sich durch mich
erworben, und es hat lange gedauert, bis er eingestanden hat, dass die
Probleme viel komplexer und schwieriger sind als er zunächst glauben
wollte. Er ist glaube ich glücklich, dass er tagsüber seinem Beruf nachgehen
kann und nur abends damit konfrontiert wird. Dadurch fühle ich mich immer
noch oft sehr einsam damit.

Ich wünsche mir sehnlichst Austausch mit anderen Eltern von
Asperger-Kindern, denn in meiner Umgebung bzw. in der Autismus-Ambulanz
unserer Kleinstadt ist unser Sohn  neben einem 2 Jahre jüngeren Kind der einzige
mit dieser Diagnose. Auch haben die dort tätigen Therapeuten/innen wenig
oder keine Erfahrung mit Asperger. Und da ich mein Kind mit mütterlichen
Augen sehr tief erforscht habe und unsere Beziehung einmalig ist, hoffe ich
nicht nur, Anregungen hier zu finden, sondern auch eigene Erfahrungen
weitergeben zu können.

Ich arbeite seit 2 Jahren an einem Buch, das, wie ich hoffe, Ende 2000
erscheinen wird. Ich würde gerne Eltern kennenlernen, die es aus
ihrer Perspektive im Vorfeld lesen und vielleicht bereichern können.

Erste Kontaktaufnahme per email erwünscht.

Erica Beermann (Oktober 1999)
 

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